ed 12/2007 : caiman.de

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brasilien: Oscar Niemeyer wird 100 mit Zigarillo
Philosophisches zum Leben
THOMAS MILZ
[art. 1] druckversion:

[gesamte ausgabe]


cuba: Varadero - Auszüge aus einem Reisetagebuch
Teil 6: Zweiter Ausflug nach Havanna + Parque Retiro
NORA VEDRA
[art. 2]
spanien: Rezension: Unter dem Drachenbaum von Horst Uden
Legenden und Überlieferungen von den Kanarischen Inseln
BERTHOLD VOLBERG
[art. 3]
spanien: Cadaqués mit seinen Augen
DIRK KLAIBER
[art. 4]
helden brasiliens: Rettet die Mangroven!
Mario Moscatelli und der Kampf gegen den Müll
THOMAS MILZ
[kol. 1]
amor: Ibiza - Insel mit Aura
NORA VEDRA
[kol. 2]
macht laune: Sandy Klaus und der venezolanische Weihnachtsschwindler
DIRK KLAIBER
[kol. 3]
lauschrausch: Katalanische Liedermacher / Eduardo Galeano
TORSTEN EßER
[kol. 4]




[art_1] Brasilien: Oscar Niemeyer wird 100 mit Zigarillo
Philosophisches zum Leben

Viel wurde geschrieben über den Architekten Oscar Niemeyer. Über seine Kindheit in bescheidenen Verhältnissen. Über den Bau von Brasília, seine Aufgabe, ein neues Zentrum für Brasilien, das Land mit kontinentalen Ausmaßen, zu erschaffen. Über seine politischen Überzeugungen, die illustren Freunde und das gute Leben im Allgemeinen.

Aber warum sollte man über all dies noch einmal sprechen?

Wenige Wochen vor seinem 100-sten Geburtstag hat Oscar Niemeyer bei dem Genuss eines hervorragenden Zigarillo über das wirklich Wichtige im Leben philosophiert:

Wenige Dinge sind wirklich wichtig im Leben. Ich habe unendlich viel in meinem Leben gemacht, aber das ist alles nicht so wichtig. Das Wichtigste ist, gut zu leben und zu lernen, dass das Leben bloß eine Minute dauert, und dass es deshalb sinnvoll sein muss.

Das Leben an sich ist wichtig. Die Architektur ist es nicht. Natürlich ist es gut, über Dinge wie Kultur, Malerei und Kunst bescheid zu wissen. Aber essentiell ist das nicht. Essentiell ist das Handeln des Menschen im Angesicht seines Lebens.

Leben bedeutet, die Frau an seiner Seite zu haben, und dann kann komme was wolle. Im Grunde ist das alles.


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Fotos + Zigarilloanzünder:
Thomas Milz

[druckversion ed 12/2007] / [druckversion artikel] / [archiv: brasilien]





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[art_3] Spanien: Rezension: "Unter dem Drachenbaum" von Horst Uden
Legenden und Überlieferungen von den Kanarischen Inseln

"Unter dem Drachenbaum" ist ein gut gewählter Titel für eine Sammlung von historischen Legenden und vom Autor Horst Uden (1898 – 1973) anlässlich seiner Reisen in den 1930er Jahren selbst erlebten Anekdoten über die Kanarischen Inseln.

Denn geheimnisvoll und urtümlich wie ein Drachenbaum, wie jener Dinosaurier unter den Bäumen, präsentieren sich die von Uden spannend formulierten Legenden von den "Inseln der Glückseligen", von denen die meisten noch aus der Zeit der Guanchen stammen.

Der Autor geht also zurück zu den historischen Wurzeln der Kanarischen Inseln und gibt den Sagen der von den Spaniern verdrängten Ureinwohnern wieder eine Stimme - wie in der Erzählung über das Wunder des "Regenbaums" auf der mysteriösen und kleinsten der sieben bewohnten Inseln des Archipels: El Hierro.

Für jede einzelne der Kanaren präsentiert der Autor jeweils mindestens eine mythische Legende aus der Guanchenzeit vor der spanischen Eroberung und mindestens eine Episode aus der spanischen Epoche nach dem 15. Jahrhundert, manchmal ist auch eine selbst erlebte Kuriosität aus dem 20. Jahrhundert dabei. Und Horst Uden vergisst auch nicht, der nicht existenten "Phantasie-Insel" San Borondón eine amüsante Erzählung zu widmen.

Die Motive dieser Sammlung kanarischer Geschichten ist sehr abwechslungsreich. Von tragischen Dramen (die leidenschaftliche Liebesgeschichte von Mirca und Niquiomo auf La Palma) über mythologische Märchen (z.B. über den Ursprung der beiden uralten Kiefern von Vilaflor auf Teneriffa) bis hin zu humorvollen Momenten (der "Drachentanz" beim Fronleichnamsfest auf Lanzarote oder eine "entgleiste" Prozession, die auf der Insel La Gomera den ersehnten Regen herbei zaubern soll), ist alles vertreten.

Dabei mag für manch jüngeren Leser der Erzählstil von Horst Uden gewöhnungsbedürftig sein. Eine Kostprobe: "Tiefblau, wolkenlos, strahlt der Himmel wie dunkler Saphir, in den der Kegel des Teide sein flimmerndes Haupt stößt. Golden schießt die göttliche Magec, die ewige Sonne, ihre segensspendenden Pfeile über das glückliche Tal von Arautápala."

Die Sprache des Autors ist auch ein Zeugnis deutscher Spätromantik, damit beschreibt er die Kanaren mit den Augen und Worten, wie viele Reisende des 19. und frühen 20. Jahrhunderts diese zauberhaften Inseln sahen – lange vor dem an manchen Stellen verheerenden Bauboom, der durch den Massentourismus und Spekulantentum ausgelöst wurde. Horst Udens Werk ist ein Sprachdokument aus einer Zeit, in der Reisen noch das Privileg einiger weniger Auserwählter war. Und es ist nicht frei von Pathos. Das mag nicht jedem Geschmack entsprechen, aber jedenfalls ist seine Sammlung kanarischer Impressionen für jeden wirklich interessierten Besucher der Kanarischen Inseln ein Muss, da sie eine Fülle von facettenreichen Eindrücken und kulturhistorischen Hintergrundinformationen gibt.

Text: Berthold Volberg


Kontakt zum Verlag:
Zech-Verlag, Santa Cruz de Tenerife
Tel./Fax: 0034-922302596
Email: info@zech-verlag.com
www.zech-verlag.com

[druckversion ed 12/2007] / [druckversion artikel] / [archiv: spanien]






[art_4] Spanien: Cadaqués mit seinen Augen

Eigentlich müsste man nicht weiter belohnt werden für den kurzen Aufstieg auf 250 Meter Höhe, denn die Halbinsel Cap de Creus im äußersten Nord-Osten Spaniens gelegen und an Frankreich grenzend ist aus jedem Winkel betrachtet eine Augenweide. Vorherrschend sind das zarte Grün der Olivenbäume, des Rosmarins und des Thymians, das Braun der verschiedenen, oft trockenen Erdschichten und natürlich die Blauschattierungen des immer zum Greifen nahen Meeres. Kaum 40 Minuten nach Verlassen der Bucht Cala Joncols erspäht man das Mittelmeer-Städtchen Cadaqués und weiß sich schon jetzt zur Erholung in einem der wassernahen Restaurants am Weine labend.

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Je näher es rückt, desto bezaubernder sein Lockruf und dann ist Cadaqués auch schon erreicht. Auf zwei kleine Buchten und einen felsigen Weg entlang zwischen Wasser und Häuserfront folgt ein kurzer Gang durch die engen Gassen vorbei an der Kirche zur Hauptbucht. Auf der anderen Seite der Bucht führt der Weg immer am Wasser entlang und das Panorama, die Komplettansicht der Stadt, zeigt sich in immer neuem Sichtwinkel.

Es ist die einzigartige Lage und der Blick vom Wasser aus, vom Strand, von der Promenade oder von einem der unzähligen kleinen Stege, der Blick auf die Stadt mit den kleinen Booten zu Wasser und an Land, den Tischen und Stühlen vor den Tapabars, den weiß getünchten Häusern mit den blauen Fensterläden im gleißenden Licht der wärmenden Sonne. Es ist genau dieser Panoramablick, der die Ruhe und den alles bestechenden Charme Cadaqués zunächst ausmacht.

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Brutal aber, wie es nur der Mensch gegenüber seines Gleichen und einer Stadt sein kann, wird der Blick immer wieder dem Panorama entzogen und anhand einer rigiden Bildblicklenkung nicht nur auf Details, sondern auf einen Vergleich dieser mit ihren Abbildungen gelotst. Manch einer mag sich unweigerlich mit der Frage konfrontiert sehen: „Wessen mächtiges Kleinhirn war von solch imagepolitischer Fehlzündung geleitet?“

Der Erklärung im Detail soll schuldig geblieben werden, nicht aber der Nennung des beraubten Künstlers, der - völlig unabhängig davon, ob gemocht oder gehasst, genial wirr oder rein ökonomisch agierend, politisch korrekt oder faschistoid – sich der Verballhornung seiner Werke, die in Cadaqués einem disneyfizierten Konzept zum Opfer fallen, nicht mehr erwehren kann. Salvador Dalí, der sich zu Lebzeiten sein eigenes Museum erschaffen hat – in Figueras und nicht in Cadaqués -, würde nun miterleben müssen, wie Touristen zur Saison in Heerscharen mit den Fingern auf seinen Bildern herumtatschend nach Gemeinsamkeiten mit der in den Hintergrund gedrängten Stadtansicht forschen.

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Wozu dieser gesteuerte Bilderblick auf die Stadt? Zum Aufbau eines konkreten Images und zur Erzeugung von Massentourismus durch Musealisierung. Allein der Name lockt: Salvador Dalí. Im Volksmund ist der Begriff Surrealismus unweigerlich gekoppelt mit Dalí. Die Imagepolitiker aus Cadaqués wünschen sich einen ähnlichen Erfolg für das Begriffspaar: Cadaqués / Salvador Dalí. Cadaqués ist Dalí-Stadt. Wohnstadt. Figueras hat es vorgemacht. Figueras ist auch Dalí-Stadt. Geburtsstadt und Museumsstadt. – Erzählt man, man fahre nach Figueras, so bringt man Licht auf die Stirnfalten seines Gegenübers, erwähnt man im Anschluss den spanischen Künstler: Aha! Dalí-Museum. Kenne ich.

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Warum aber sollen noch mehr Touristen in das bezaubernde kleine Städtchen gelockt werden? Im Sommer zur Hauptferienzeit gleicht ein Besuch Cadaqués einem Einkaufsbummel auf der Haupteinkaufstraße einer deutschen Großstadt am letzten Samstag vor Weihnachten. Mehr Touristen kann Cadaqués gar nicht verkraften. Wählt man nicht den Weg zu Fuß, sondern mit dem Auto, so gelangt man nach Cadaqués über die Landseite und trifft zunächst auf einen riesigen unprätentiösen Touristrom-Parkplatz. Auch das verträumte fehlt, denn Cadaqués hat sich hinten raus vergrößert. An den charmanten Gässchen der Altstadt wird man vorbeigeleitet. Schon glaubt man sich in einer der rein für den Tourismus erbauten Costa-Brava-Orte. Der Weg zum Wasser führt vorbei an Maklerbüros, die Wohnungen und Häuser in Millionenhöhe anbieten.

Am Wasser angekommen stößt man auf die Statue des Aushängeschild-Künstlers, der im Anschluss an ein Herzliches Willkommen die Besucher einlädt, die Stadt modifiziert durch die rosarote Brille der Tourismuspolitik zu betrachten und seinem Blick, der ihm von den Imageverantwortlichen Cadaqués zugedacht ist, zu folgen.

Text + Fotos: Dirk Klaiber

[druckversion ed 12/2007] / [druckversion artikel] / [archiv: spanien]






[kol_1] Helden Brasiliens: Rettet die Mangroven!
Mario Moscatelli und der Kampf gegen den Müll

Der Kampf gegen den Müll ist ein täglicher. Wenn die Flut steigt, bringt sie all das mit sich, was Millionen von Anwohnern im Großraum Rio de Janeiro in die Flüsse und in die Guanabarabucht werfen: Sofas, Plastikflaschen, Fernseher und sogar Leichen.

Seit 1997 kämpft der Umweltaktivist Mario Moscatelli für die Wiederansiedelung der Mangroven in der Guanabarabucht, dort, wo einst die Gramacho-Müllhalde das Landschaftsbild bestimmte. Damit der Müll nicht von den Fluten in die Mangroven hineingespült wird, hat Moscatelli einen orangefarbenen Plastikzaun um die Pflanzen gezogen.



Die Gramachomüllhalde umfasste einst eine Fläche von 130 Hektar. Seit dem Beginn des Projektes haben Moscatelli und sein Team bereits 25 Hektar wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt.

Wir haben Mario Moscatelli getroffen und mit ihm über die Bedeutung der Mangroven und über die Möglichkeiten, diese zu retten, gesprochen.

Welche Funktion haben die Mangroven?
Moscatelli: Die Mangroven haben verschiedene Funktionen im Bereich des Umweltschutzes und der Sozio-Ökonomie: Sie dienen als eine Art Geburtsstation für die Tiere im Wasser, die Vögel und all die anderen Tiere, die in der Guanabarabucht leben. Für sie sind die Mangroven wie ein Supermarkt. Aber die Mangroven dienen auch als biochemischer Filter. Alles toxische Material, das über die Wasserwege in die Guanabarabucht gelangt, wird vom Schlamm der Mangrovengebiete absorbiert und so aus dem Nahrungskreislauf herausgezogen. Und sie haben auch eine ökonomische Bedeutung. Zwei Krebs-Arten werden hier gefangen, die für die menschliche Ernährung geeignet sind.

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Was sind denn die Gründe für die Umweltkatastrophe, die wir hier sehen?
Moscatelli: Um ehrlich zu sein – hier tobt ein Krieg zwischen zwei Welten, und die Bucht ist das Schlachtfeld. Die Mangroven werden jeden Tag tonnenweise mit Müll bombardiert. Und diese Gebiete hier wurden von den Politikern vollkommen aufgegeben. Was man hier sieht, ist ein Reflex auf die Abwesenheit der Regierenden, das Resultat einer nicht existenten Abwasserklärung, Müllabfuhr und öffentlichen Wohnungspolitik.

Und es ist einfach unglaublich, dass sich der gleiche Zustand, der hier in der Guanabarabucht anzutreffen ist, auch in den noblen Orten dieser Stadt wie der Barra da Tijuca herrscht. Nehmen wir zum Beispiel Krankenhausabfälle wie Spritzen. Ich finde diese Art von Müll hier, genauso wie in den Lagunen von Jacarepaguá und sogar an den Stränden der Barra da Tijuca.

Es ist einfach absurd, dass der moderne Carioca (Einwohner von Rio) im 21. Jahrhundert die Umwelt noch genauso behandelt wie die Portugiesen, die im 16. Jahrhundert hierher gekommen sind: nämlich den Müll einfach in die Umwelt zu werfen.

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Warum haben die Menschen immer noch nicht gelernt, schonend mit der Umwelt umzugehen?
Moscatelli: Das Szenario des allgemeinen Verfalls, sei es in der Guanabarabucht, der Baixada de Jacarepaguá oder in der Baía de Sepetiba (alle im Bundesstaat Rio de Janeiro), hat einen Hintergrund: die sogenannte Brasilholz-Kultur.

Das ist die Kultur, Rohstoffe solange zu verschwenden, bis nichts mehr übrig ist. Und es ist vollkommen egal, ob wir von Brasilholz oder der Guanabarabucht sprechen. Oder aber von den Lagunen von Jacarepaguá. Das ist ein Aspekt unserer Kultur, der sich jetzt schon seit 400 Jahren durch unsere Geschichte zieht und bereits Wurzeln geschlagen hat.

Bloß, dass wir vor 400 Jahren genug Umwelterbe hatten, um es zu verpulvern. Doch heute sind wir am Limit angelangt, und wir können einfach keinen weiteren Kahlschlag mehr akzeptieren. Dieser Prozess des allgemeinen Verfalls kommt aus der politischen Klasse, die unverantwortlich und aus dem Gefühl der Straffreiheit heraus handelt - eine Narrenfreiheit, denn hier wird kein Politiker, sei er auch noch so schlecht, zur Rechenschaft gezogen und bestraft.

Und die Politiker wissen, dass sie tun und lassen können, was sie wollen. Sowohl mit der Umwelt als auch mit öffentlichen Geldern. In Rio de Janeiro müssen wir als Konsequenz dieses Horrorszenario leider mitmachen.

Hier gibt es keine guten Jungs, sondern nur Banditen.

Schuld an dieser Tragödie tragen die unzähligen Regierungen, die ihr Amt lediglich als politisches Sprungbrett verstanden haben. Im Gegenzug muss man allerdings auch sagen, dass die Gesellschaft genauso Fehler begangen hat, denn die Gesellschaft akzeptiert diese Verfehlungen und besteht nicht darauf, dass die Gesetze eingehalten werden.


Wie könnte eine Lösung aussehen?
Moscatelli: Die große Lösung ist die Bildung. Solange es keine gute Bildung gibt, gibt es auch keinen Ausweg. Wenn ich auf die Bucht hinaussehe, sehe ich die Zukunft; aber es ist eine Zukunft ohne jegliche Hoffnung.

Schaue ich jedoch hier auf die Mangroven auf dieser Seite des Zaunes, so sehe ich Hoffnung. Aber es ist ein feiger Kampf. Denn es sind Millionen von Kubikmetern an Sedimenten, Millionen von Kubikmetern an Müll, Millionen von Kubikmetern an ungeklärten Abwässern, die jeden Tag hier hinein gekippt werden. Und wir stehen hier mit unseren Plastikzäunchen und verteidigen die Mangroven.

Aber unsere Zukunft und die Zukunft meiner Töchter steht auf dem Spiel. Und wenn ich einmal alt bin, möchte ich ihnen in die Augen schauen und sagen können: ich habe getan, was ich konnte und sogar etwas mehr. Aber ich weiß nicht, ob manch anderer auch den Mut haben wird, das gleiche zu seinen Töchtern zu sagen.

Fotos + Interview: Thomas Milz
Kontakt zu Mario Moscatelli: moscatelli@biologo.com.br

[druckversion ed 12/2007] / [druckversion artikel] / [archiv: helden brasiliens]





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[kol_3] Macht Laune: Sandy Klaus und der venezolanische Weihnachtsschwindler
Märchen wider die Businesskasperei zur Festlichkeit

Seit Tagen schon war Sandy Klaus, die Schwester von Mandy Klaus, übler Laune. Wie jedes Jahr um diese Zeit stand ihr großer Arbeitstag bevor. Wie jedes Jahr sollte sie die Details ihres Einsatzes erst bei Abfahrt erfahren.

Der Morgen fing schon beschissen an, ein echter Klassiker, eingeseift im ungeheizten Bad, die Gasflasche leer, Tod durch Erfrieren nahe - Fluchen auf unterstem Niveau aus vollem Hals. Ein Schneeschauer tobte, Hölle, und ihr Erzfeind, Knecht Quäl das Kind mit widerwärtigen, zum Erbrechen reingeknüppelten Gedichten Ruprecht, hatte sich das letzte Quarkbällchen geschnappt.

Doch dann mit Pauken und Trompeten kehrte das Himmelreich auf Erden zurück: Die erst für den Nachmittag erwartete Mitteilung entfaltete ihren Glanz auf dem Bildschirm: Venezuela – drei Schwestern zwischen zwei und sechs Jahre alt. Sandy war auf einen Schlag besser gelaunt und informierte Mandy: "Sie haben mein Flehen erhört, ich darf ins Warme." Ein Urlaub am Strand würde sich anschließen lassen – dachte sie.

Der venezolanische Weihnachtsschwindler

Sie ergriff den gefüllten Sack, der mittlerweile vor ihrer Tür abgestellt worden war und düste los. Pünktlich zum Singen, wenn auch keinem allzu festlichen, wie es zunächst schien, traf sie in ihrem Bestimmungsort in den Anden Venezuelas ein: Die drei Gören hatten sich vor dem Haus in einen Jeep eingeschlossen, die Anlage bis zum Anschlag aufgedreht und grölten mit MIA, der Stimme vom Band, auf den Sitzen herumtollend: Ein hungriges Herz durchfährt ein bittersüßer Schmerz – sag mir wie weit, wie weit, wie weit willst du geeeeehn...

Sandy Klaus stahl sich um den Wagen herum, aber um überhaupt bemerkt zu werden, hätte sie schon mächtig in die Animationskiste greifen müssen, und klingelte. Ihr wurde geöffnet und "Kinder draußen bleiben" entgegengerufen. Dann erst wurde sie wahrgenommen. Doch statt eines herzhaften Empfangs, begann ihr gegenüber zu lachen, drehte sich um und rief: "Bruder, dass musst du dir ansehen und bring die Kamera mit. Jetzt schickt uns Chávez schon die Nikolausis ins Haus."
"Gestatten Sandy Klaus", versuchte sich Sandy Gehör zu verschaffen, was aber unterging, weil der Bruder um die Ecke bog:
"Wieso steht da nirgends revolución navideña, Weihnachtsrevolution, auf der roten Kutte? Ach, die will bestimmt die Glühbirnen auswechseln. Hab ich drüber gelesen."
Und an Sandy gewandt: "Du kommst doch von der Energierevolution, oder?"
"Quatsch hermano, die waren vor Monaten hier", antwortet der andere Bruder und zugleich Papi, und Sandys Artikulationsversuche verloren sich erneut im weihnachtlichen, aber zumindest wohltemperierten Abendhimmel.
In diesem Moment verstummte MIA und die Jeeptür ging auf: "Papaaa, wir wollen endlich Geschenke!"
"Ich weiß, Kinder. Wir sind bald soweit. – Bruder, hol noch zwei Bären-Bier aus dem Kühlschrank. – Wisst ihr was! Jetzt schnappt ihr euch den Sack von dem Nikiverschnitt hier und dann sind wir auch schon gleich fertig mit Baumschmücken."
"Papi, das ist langweilig. Wir wollen Geschenke..."
Nun endlich sah Sandy ihren großen Auftritt nahen: "Ich bin extra von weit her gekommen, um euch Dreien Geschenke zu bringen."
Da verstummte erst die Älteste, dann die Mittlere und endlich auch die Kleinste, nachdem ihr die Mittlere von hinten eins mit der flachen Hand über den Kopf gezogen hatte. Nun flüsterte die Älteste der Mittleren ins Ohr: "Sag der Frau, sie soll endlich verteilen."
Dann flüsterte die Mittlere der Kleinsten ins Ohr: "Díle a la señora: ¡Queremos Geschenke!"
"¡Queremos Geschenke!" Und gleich noch einmal etwas lauter: "¡Queremos Gescheeenke!", schrie sogleich die Jüngste.
Sandy Klaus war in ihrem Element und verteilte, was der Sack hergab. Eine Puppe für die Älteste, ein Puzzle für die Mittlere und einen Teddy für die Kleinste. Sie wollte nur noch schnell in die erfreuten Gesichter der Kiddys blicken, wenn diese ihre Geschenke ausgepackt hätten und dann an die Playa weiterdüsen. Doch während die Älteste, die als erste ihr Geschenk vom Papier befreit hatte, nur entgegnete: "Ne Puppe? Toll! Ist doch kein Kindergeburtstag", pfefferte die Mittlere ihr Puzzle einfach in Richtung Auto, begleitet von dem Wort: "¡Feo!"

Sandy war entsetzt. Sie blieb wie angewurzelt stehen und schaute nun auf die Kleinste. Doch die Älteste ergriff die Initiative und flüsterte der Mittleren ins Ohr: "Sag der señora, wir wollen mehr Geschenke."
Die Mittlere trat daraufhin an das Ohr der Kleinsten heran und flüsterte: "Sag, mehr Geschenke."
Und die Kleinste tat wie ihr aufgetragen: "¡Más! Más Gescheeeenke."

Oh große, schwere Not, der Sack war doch schon leer. Sandy griff in ihre Tasche und erwischte glücklicherweise ein paar neue Bolívares, die ab Januar die Währung des alten Bolívares im Verhältnis 1:1000 ablösen sollten und händigte sie an die Rasselbande aus, die sich daraufhin zu freuen und zu tanzen begann und Sandy an den Händen ins Haus zog, um mit ihnen heute Abend zu feiern. Während die Kinder in dem Schrank ihrer Mutter nach neuen Klamotten wühlten, weil ihnen der Aufzug Sandys äußerst albern erschien, ereilte Sandy die Nachricht von Mandy, dass sie einem Computervirus, dem gemeinen venezolanischen Weihnachtsschwindler, auf den Leim gegangen war, der dieses Jahr alle zu verteilenden Geschenke nach Venezuela transferiert hatte.

Egal, dachte Sandy, schaltete das Handy ab und sagte dem Bruder, er solle weitere Bären aus dem Kühlschrank holen. Immerhin schien es ihr erstes Weihnachten zu werden, das dem wahrhaften Leben nahe und fern zugleich Glanz und Gloria über ihren monotonen Businesskasperalltag bringen können würde.

Text + Fotos: Dirk Klaiber

[druckversion ed 12/2007] / [druckversion artikel] / [archiv: macht laune]





[kol_4] Lauschrausch: Katalanische Liedermacher / Eduardo Galeano

Der valencianische Songwriter Òscar Briz ist in Deutschland – trotz eines gelobten Konzertes im Oktober 2007 in Frankfurt - noch gänzlich unbekannt. Das liegt wohl daran, dass nur wenige Menschen hierzulande Katalanisch verstehen. Dabei sind die Texte seines neuen Albums, die kritisch mit der Gesellschaft umgehen (Tirar a matar) oder die alten Zeiten besingen, in denen die Menschen in ihrem Viertel noch glücklich zusammen lebten (A Ca la Rosa), für Kenner einer romanischen Sprache leicht zu verstehen und haben es auch verdient, gehört zu werden (trotzdem hätte eine Übersetzung der Texte ins Englische oder Spanische im Booklet der CD gut getan!). Musikalisch bewegt sich der in seiner Heimat mehrfach ausgezeichnete Briz in einer stilistischen Vielfalt aus Blues-, Folk- und Popmusik, garniert mit jazzigen Passagen. Das Album des sich selbst gerne als "Protestsänger" bezeichnenden Briz glänzt neben großer Abwechslung durch eine exzellente Produktion.

Òscar Briz
Quart Creixent
ventiladormusic/ galileo mc

Auch die "Altmeisterin” des katalanischen Liedes, Maria del Mar Bonet, hat ein neues Album auf dem deutschen Markt. Auf "Terra Secreta" präsentiert sie sowohl Stücke langjähriger Wegbegleiter der katalanischen Protestliedbewegung (Nova Canço) im neuen musikalischen Gewand – Dos anònims von Ovidi Montllor mit Kammermusikorchester oder La rosa de l’adeu von Joan Manel Serrat und Tant com de cerc von Guillem D’Efak – als auch vertonte Gedichte von Robert Graves – El país secret, eine Hommage an die Geliebte, oder Un exèrcit von Jordi Guardans, ein Protestlied gegen den Irakkrieg. Musikalisch abwechslungsreich, auch Jazz und ein Blues sind vertreten, wird wohl auch dieses Album der international erfolgreichen Sängerin seine Liebhaber finden.

Maria del Mar Bonet
Terra Secreta
Picap/ galileo mc

Inspiriert von Erzählungen Eduardo Galeanos hat der Darmstädter Pianist Uli Partheil ein "Jazz & Lyrik-Projekt" ins Leben gerufen. Der uruguayische Schriftsteller, der spätestens seit seinem Buch "Die offenen Adern" auch als "Gewissen" Lateinamerikas gilt, hat neben seinen Sachbüchern auch Prosa verfasst. Das Projekt "Musikgeschichten" basiert auf dem "Buch der Umarmungen" (Unionsverlag). Dort dechiffriert Galeano das Phänomen Lateinamerika in kleinen Geschichten, die oft eine überraschende Wendung nehmen. Melancholische Gedanken stehen neben heiteren Texten, gelesen von Sprecher Rolf Idler. Das spiegelt sich auch in der Musik wider: Traurig schöne Melodien (z.B. "Die Leidenschaft des Erzählens"), konzertant interpretiert, wechseln sich mit schnelleren Jazztiteln eines klassischen Trios ab (z.B. "Das Schwinden der Erinnerung"). Oft steht das Wort frei, häufig die Musik alleine, aber ein ums andere Mal liegt ein Soloklavier unter dem Text und verstärkt seine – meist nachdenklich stimmende - Wirkung. Partheils Kompositionen wirken wie eine Weiterentwicklung von Galeanos Prosa. Die enge Verbindung zeigt sich auch daran, dass er für sie die Titel von Galeanos Texten übernommen hat. Ein überaus empfehlenswertes Album, sowohl als Jazzplatte als auch als Hörbuch.

Uli Partheil / Eduardo Galeano
Musikgeschichten
S&M Records

Text: Torsten Eßer
Fotos: amazon

[druckversion ed 12/2007] / [druckversion artikel] / [archiv: lauschrausch]





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