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[art_4] Brasilien: Wo ist Götzes Netz?
Erinnerungen an einen untergehenden Fußballtempel
 
Als ich vor zwanzig Jahren zum ersten Mal nach Rio de Janeiro flog, riet mir mein Vater zu einem Besuch im Maracanã. Er selbst hatte in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in der wundervollen Stadt gelebt, damals als Pelé in dem weiten Rund seine Traumtore schoss. Ich solle nur vorsichtig sein, weil die Fußballfans auf den oberen Rängen in Plastiktüten pinkeln würden, die sie dann auf die unteren Ränge schmissen. Seitdem schaue ich bei meinen unregelmäßigen Besuchen in dem weiten Rund stets misstrauisch nach oben. Kommt da wohl was?

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Ich erinnere mich an ein tolles Fla-Flu, den Klassiker zwischen Flamengo und Fluminense. Damals war das Maracanã noch jener Mega-Tempel, ein Status, den es nach den ständigen Umbauten ab 2007 verlor. Bis zu 200.000 Zuschauer sollen einst in die Schüssel gepasst haben, liest man. Wie beim entscheidenden Spiel zwischen Brasilien und Uruguay bei der Weltmeisterschaft 1950. Kurz zuvor war das Stadion "fertig gestellt" worden; angeblich wurde noch während der WM hier und da gewerkelt.

Mário "Lobo" Zagallo hat mir einmal in einem Gespräch erzählt, was damals geschah. Als junger Soldat war er für die Sicherheit im Stadion abgestellt worden. Vom Spiel habe er nichts gesehen, musste er doch die Zuschauer im Blick behalten. Mit dem Rücken zum Spielfeld verpasste er deshalb jenes 2:1 für Uruguay, das Brasilien den sicher geglaubten WM-Sieg kostete. Es sei plötzlich totenstill geworden, so Zagallo. In den Gesichtern der Zuschauer habe er das Ausmaß des Schocks ablesen können.

Zagallo wurde 1958 und 1962 als Spieler Weltmeister, 1970 als Trainer. Doch Brasilien konnte auch 2014 nicht den WM-Pokal im Maracanã gewinnen, wie wir ja wissen. Dabei hatte man das Stadion vor der Heim-WM 2014 komplett umgebaut. Zweimal besichtigte ich die Baustelle. Ob es pünktlich zum ConFedCup 2013 fertig werden würde? Es klappte, Ende April 2013 wurde das neue, nun nur noch 78.000 Zuschauer fassende Maracanã mit einem lockeren Kick der "Freunde von Bebeto" gegen die "Freunde von Ronaldo" eingeweiht. Das Spiel war nicht so spannend, aber Vorfreude lag in der Luft. Zwar hatten sich damals Demonstranten auf die Tribünen geschlichen und gegen den Umbau und die geplante Privatisierung protestiert. Ansonsten herrschte aber gute Laune.

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Anfang Juni 2013 folgte dann das Freundschaftsspiel Brasilien gegen England, ein unterhaltsamerer Kick ohne Demonstranten, dafür vor vollem Haus. Und mit einem Traumtor von Wayne Rooney. Toll war die Stimmung damals im weiten Rund, das 2:2 gab Hoffnung für die anstehende WM.

Während der sah ich hier die spanischen Weltmeister gegen die chilenische "La Roja" untergehen. Chilenische Fans hatten zuvor den Presseeingang gestürmt und versuchten sich vor den FIFA-Ordnern auf den überfüllten Tribünen zu verstecken. Irre Jagdszenen spielten sich ab. Auch das Spiel war für die Ewigkeit. Genau wie das WM-Finale zwei Wochen später. Auf der Pressetribüne war ich vor den Pinkelbeuteln der enttäuschten Argentinier sicher.

Bis zum Schluss des Titel-Fests blieb ich im Stadion, mit anderen Fans jubelte ich den deutschen Spielern zu, bis alle weg waren. Als letzter verließ Poldi den Platz, den Pokal in der Hand. Obwohl er bei der WM keine einzige Minute gespielt hatte. Hinter ihm trottete sein kleiner Sohnemann vom Platz. Das war es also, Weltmeister im Maracanã, und das gegen Argentinien mit Messi. Besser geht es nicht, besser wird es niemals wieder werden. Die eigenen Leute als Weltmeister im Maracanã zu feiern, das habe ich Zagallo voraus.

Fast drei Jahre später gehe ich über den braunen Rasen zu dem Tor, auf das Mario Götze 2014 in der 113. Minute geschossen hat. Doch wo ist das Netz, in das sein Ball auf magische Weise einschlug? Die Sitze, die im weiten Rund ebenfalls fehlen, finden wir unter der Rampe des Haupteingangs, einfach in den Dreck geworfen. Die olympischen Ringe stehen ein paar Meter weiter hinter einem Abstellhäuschen, halb eingehüllt in eine Plastikplane. Ich könne sie ja mitnehmen, schlägt mir ein Wachmann vor. Man wisse nicht, wohin damit...

Text + Fotos: Thomas Milz

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