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[art_3] Argentinien: Kleine Kredite, die Großes bewirken
 
Eine gute Geschäftsidee alleine reicht meist nicht, um sich selbständig zu machen - es braucht auch eine Anschubfinanzierung. Die zu bekommen, ist in Argentinien fast unmöglich. Doch Kolping gibt Kleinunternehmer eine Chance.

Geradezu liebevoll setzt Margarita Graef einen Setzling nach dem anderen in die Erde. Noch ist nicht zu erkennen, welches Gemüse hier mal wachsen wird: Salat, Radieschen, Frühlingszwiebeln, Spinat – das sind nur einige der Produkte, die Familie Graef von ihrer Gemüsefarm an die Supermärkte der Umgebung liefert. "2007 haben wir mit dem ersten Gewächshaus angefangen", erzählt die Gemüsebäuerin. Umgerechnet 4.000 Euro brauchte die Familie, um in das Geschäft einsteigen zu können und die 52jährige erinnert sich mit Schaudern daran, wie schwierig es war, das Geld aufzutreiben. "Zu den Banken wollte ich nicht gehen. Die vereinbaren keine festen Zinsen, sondern passen diese ständig nach oben an, je nachdem wie Inflation und Dollarkurs stehen. Wir kennen viele Leute, die über einen kleinen Bankkredit alles verloren haben". Irgendwann empfahl ihr jemand das Kleinkreditprogramm von Kolping und Margarita und ihr Mann konnten Schattendächer und Schläuche zur Berieselung kaufen.

"Derzeit verlangen wir für einen Kredit 36 Prozent, inklusive aller Verwaltungskosten", erklärt Kati Weber und lacht, als der Besuch aus Deutschland hörbar nach Luft schnappt. "Doch, doch, das sind ausgezeichnete Bedingungen, zumal wir eine Laufzeit von bis zu 18 Monaten bieten und garantieren, dass die Zinsen nicht erhöht werden". Kati Weber von Kolpingwerk Misiones betreut die Kleinkreditnehmer, erörtert mit ihnen Marktchancen und erstellt gemeinsam Finanzierungspläne. Bei einer Inflation von rund 30 Prozent ist die Kreditvergabe in Argentinien ein heikles Geschäft. Banken, die darüber Gewinne erzielen wollen, werden unweigerlich zu Wucherern. Bei Kolping kommt es nur darauf an, das Stiftungsvermögen zu erhalten. "Und das ist uns trotz der in den letzten Jahren ständig steigenden Inflation gelungen!", berichtet Kati Weber nicht ohne Stolz.

Dass das Kleinkreditprogramm von Kolping in Misiones schon seit vielen Jahren erfolgreich läuft, hat viel damit zu tun, dass Kati Weber ein Gespür dafür hat, welche Geschäftsideen gut funktionieren. Einige davon sind recht ungewöhnlich – wie zum Beispiel das kleine Unternehmen "Pesque y Pague"- "Fisch und Zahl". Die zwölf Teiche von Raul Schorf sind eine Kombination aus Ausflugsziel und Fischzucht. Am Wochenende wird es schwer, hier einen freien Platz zu erwischen. Während die Kinder spielen, angeln die Väter mit der Garantie auf einen Fang. Sie bezahlen nach Gewicht, können sich ihren Tilapia, Karpfen oder Barsch gleich ausnehmen lassen und dann bei einem Picknick im Grünen grillen. "Die Teiche konnten wir selber ausheben und anlegen, das war kein Problem", erinnert sich Raul Schorf an die Anfänge seine Geschäfts im Jahr 2008. "Aber wir brauchten Material um Toiletten und einen Unterstand für die Gäste zu bauen. Kolping hat uns einen Kredit von 1500 Euro gegeben. Das ging schnell und unbürokratisch und reichte, um das Geschäft in Gang zu bringen".  Mit einem zweiten Kredit finanzierte der 32jährige Familienvater kleine Grillhütten, die die Gäste mieten können. Eine gute Investition, die sich gelohnt hat. "Je nachdem wie das Geschäft läuft, verdienen wir mit unserem Angelplatz damit zwischen 600 und 900 Euro im Monat. Davon können wir gut leben!"

Auch Margarita Graef nahm über die Jahre mehrere Kredite bei Kolping auf, um weitere Gewächshäuser zu bauen und eine Wasserpumpe anzuschaffen. Die Kredite pünktlich zurück zu zahlen, war kein Problem, die Nachfrage ist groß. "Wir könnten doppelt so viel Gemüse verkaufen, aber wir schaffen es einfach nicht, mehr anzubauen. Wir arbeiten so schon jeden Tag von sechs Uhr früh bis abends um neun", meint sie und wirkt ein wenig erschöpft bei dem Gedanken, was heute noch alles zu tun ist. Obwohl das Geschäft so gut läuft und die ganze Familie mitarbeitet, sinken die Gewinne. Inzwischen bleiben für jeden am Ende des Monats nur noch rund 300 Euro. "Der Klimawandel macht uns sehr zu schaffen, es gibt immer häufiger Starkregen, der unsere Ernte ruiniert." Deshalb will Maragrita Graef demnächst noch mal einen Kredit aufnehmen, diesmal für Regendächer. "Gut, dass ich mich an Kolping wenden kann", sagt sie und wirft einen dankbaren Blick in Richtung Kreditberaterin Kati Weber.

Text: Katharina Nickoleit

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr unter:
www.katharina-nickoleit.de

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