ed 01/2018 : caiman.de

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[kol_1] Grenzfall: Zwei Tage durch die Atacama-Wüste



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Es war Nacht als irgendwo zwischen La Serena und Copiapó ein Schild verkündete, dass wir soeben die Region Atacama erreicht hätten. Die Ruta 5, wie die entlang Chiles Atlantikküste verlaufende Panamericana hier heißt, wurde gerade von heftigen Windböen gepeitscht. Überall um uns herum wirbelte Sand, die Sicht betrug weniger als 50 Meter.

Die Atacama Region, auch Verwaltungsregion III genannt, zieht sich über nahezu den gesammten Norden Chiles hinauf zur Grenze mit Peru, landeinwärts bis hoch zur Grenze mit Bolivien und weiter westwärts bis in das Grenzgebiet mit Argentinien. Wir folgten der Panamericana noch einige hundert Kilometer weiter nach Norden bis nach Antofagasta, einer Mischung aus Wildweststadt und modernen Hochhausvierteln.


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Die Ruta 5 führt meist über einen Gebirgskamm, der zwischen 1000 und 2000 Meter hoch liegt. Links geht es rasant hinab zum Pazifik. Ostwärts trennt uns eine weitere Bergkette von der eigentlichen Atacama-Wüste. Hoch in den Bergen glitzern einige weiße Gebäude – Sternwarten, die den unglaublichen Sternenhimmel abtasten.

Abgesehen von den Städten Copiapó und Antofagasta ist es einsam hier. Ab und zu kommen wir an kleinen, verlassen scheinenden Dörfern vorbei. Und alle paar hundert Kilometer erwartet uns ein einsamer Zivilisationsposten mit Tankstelle und Restaurant. Der Rest ist Sand und Fels, von der Sonne in goldenes Licht getaucht.

Von der am Pazifik gelegenen Stadt Antofagasta aus geht es landeinwärts Richtung Calamá, einer Bergwergsstadt auf halber Stecke hinein in die eigentliche Wüste, zu unserem Ziel: San Pedro de Atacama. Hier wollen wir unser Lager aufschlagen, von hier aus die Wunder der Umgebung erkunden.


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Auf unserem Weg kommen wir an verlassenen Minenstädtchen vorbei. Heftige Erdbeben haben die Mauern der Häuser niedersgerissen. Einige Kilometer weiter erwartet uns ein erschütterndes Zeugnis der Erdstöße: ein komplett aus Holzkreuzen bestehender Friedhof, auf dem Mitte des letzten Jahrhunderts die Opfer der Erdbeben begraben wurden.

Ein halb geöffneter Kindersarg gibt den Blick auf ein vertrocknetes Kinderskelett frei. Der Oberkörper bedeckt von Kleidung, die kleinen Lederschuhe in scheinbar perfektem Zustand.

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Hunderte Holzkreuze durchziehen die grau-braune Landschaft. Mittendrin sorgen vereinzelte Blumen für pastellene Farbtupfer. Und eine Nationalflagge flattert im Wind.

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Die chilenische Flagge treffen wir immer wieder entlang des Weges. Sie schmückt die unzähligen Heiligenschreine und Gebetsstätten, wie die der Santa Teresa de los Andes, Angehörige des Karmeliterordens, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts lebte und später vom Vatikan heilig gesprochen wurde.


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Wir ziehen weiter landeinwärts Richtung Atacama-Wüste. Die wellenförmige Landschaft zwischen Calamá und San Pedro reicht bis auf 3500 Meter, danach hinunter bis auf 2300 Meter in San Pedro.


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Diese Stadt hat gerade einmal 3000 Einwohner. Doch sie wimmelt von Touristen aus aller Herren Länder. Rucksacktouristen aus Deutschland und Frankreich, Brasilianer und Chilenen mit ihren Allrad-Geländewagen.

San Pedro gilt als Zentrum der Atacama-Wüste, dem trockensten Fleck auf unserem Planeten. Über Jahre werden keinerlei Niederschläge gemessen. Der Humboldtstrom an der Küste verhindert die Bildung von Regenwolken und die Bergketten der Anden bilden ein natürliches Schutzschild vor Westwinden.


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Zwei Tage haben wir eingeplant, um die Region zu erkunden. Am ersten besuchen wir das Valle de la Luna, das Mondtal, das uns einen traumhaften Sonnenaufgang inmitten der golden-glühenden Berge beschert. Danach fahren wir weiter nach Süden.

Die Vegetation ist karg. Vereinzelt sehen wir Kakteen und kleine, vertrocknete Büsche. Auf der weiten Ebene südlich von San Pedro gibt es zudem kleinere mit Bäumen umgebene Lagunen. Hier treffen wir auf Lamas und Guanacos, die typischen Bewohner der Andenregion. In höher gelegenen Berggebieten streunen Füchse umher, die erstaunlich zutraulich sind. Mit etwas Brot kann man sie bis auf wenige Meter heran locken.


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Wir erreichen die Salar de Atacama, eine riesige Salzwüste, deren flache Bäche von Schwärmen von Flamingos bewohnt werden. Majestätisch gleiten sie im Tiefflug über das Wasser oder schreiten auf ihren dürren Beinen durch das selbige. Bis zu 1500 Meter sei die Salzschicht hier an manchen Stellen tief, erzählt unsere Reiseführerin.

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Weiter südöstlich geht es aus der Ebene hinauf in die von Vulkanen bestimmte Höhen. In dem kleinen Dorf Socaire geraten wir in eine Prozession zu Ehren der Jungfrau von Guadalupe.


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Danach geht es weiter die Berge hinauf. Dort treffen wir auf die türkisfarbenen Gebirgsseen Miscanti und Mineques, die einen beeindruckenden Kontrast zu den gelb strahlenden Gräsern um sie herum bilden.


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Am zweiten Tag brechen wir früh auf. Wir machen uns auf Richtung Norden, zu dem Geysir von Tatio, auf 4300 Metern gelegen. Hier treffen kalte unterirdische Bäche auf das heiße Vulkangestein.

Die Nachttemperaturen erreichen bis zu 10 Grad minus und lassen unsere Fingerkuppen blau anlaufen. Wir versuchen uns über den aus den Geysiren aufsteigenden Wasserdampfschwaden etwas aufzuwärmen.

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Bis zu 10 Metern hoch spucken die Geysire alle paar Minuten ihre Wasserschwaden in den Himmel. Doch das wirklich beeindruckende Spektakel beginnt mit dem Sonnenaufgang, wenn die ersten Sonnenstrahlen sich in den Wasserdampfwolken brechen.


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Vom Tatio-Geysir aus führt unser Weg östlich in Richtung des Jama-Passes, dem Grenzübergang zu Argentinien. Wir machen einen kleinen Abstecher hinüber nach Bolivien, um die Laguna Verde und die Laguna Azul zu besuchen. Am kleinen Grenzposten der bolivianischen Polizei lässt man uns trotz fehlender Einfuhrpapiere für unsere Autos passieren – gegen ein kleines freiwilliges Bakschisch.


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Nach wenigen Kilometern erstrecken sich die blaue und die grüne Lagune vor uns am Horizont. Am Rand zugefroren, wagen wir uns zu Fuß hinauf aufs Eis. Flamingos gleiten über uns hinweg.

Nach drei Stunden in Bolivien sind wir zurück in Chile. Es geht weiter nach Osten, Richtung Argentinien. An einem steilen Anstieg bis auf über 4800 Meter beginnen die Motoren unserer Autos zu stocken.

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Wir müssen die Luftfilter auswechseln - sie sind vollkommen verstopft mit Wüstensand.


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Je näher wir der argentinischen Grenze kommen, desto heftiger weht der Wind. Argentinien sei das Land, in dem der Wind wohne, sagen die Einwohner der Region. Wir müssen ihnen Recht geben.

Atemberaubend schön ist die Landschaft hier im Altiplano. Wir hätten gerne mehr Zeit, um sie zu genießen. Doch wir müssen weiter hinunter nach Salta. Das nächste Mal dann, so schwören wir uns, als wir den Juma-Pass nach Argentinien überqueren.


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Text + Fotos: Thomas Milz

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